Einsatzleiterbericht: Zugunglück Bad Aibling

EUSKIRCHEN. Mucksmäuschenstill war es an diesem Samstagmorgen im Sitzungssaal des Kreishauses. Gebannt lauschten rund 170 Zuhörer einem dreistündigen Vortrag, der packend war wie ein Thriller, emotionsreich wie ein Drama und zu keiner Sekunde langweilig – aber leider keine fiktive Situation zum Inhalt hatte, sondern ein reales Ereignis.

Der einstigen Leitenden Notärztin und Feuerwehrärztin Dr. Gisela Neff war es gelungen, Wolfram Höfler, Einsatzleiter des Zugunglücks im bayerischen Bad Aibling, für einen Vortrag zu gewinnen. Vor 170 Feuerwehrleuten sowie Kräften vom Kreis-Rettungsdienst, Roten Kreuz, Malteser Hilfsdienst und sonstigen Organisationen lieferte der mittlerweile aus Altersgründen ausgeschiedene Feuerwehrchef einen packenden Vortrag. Wichtig war es Höfler und dem Euskirchener Kreisbrandmeister Udo Crespin dabei nicht nur die Schilderung der Einsatztaktik, sondern viel mehr, was so ein Einsatz für Auswirkungen auf die Helfer hat.

„Ich war in den vier Wochen nach dem Einsatz in keiner Nacht vor 2 Uhr im Bett“, erinnert sich Höfler. Irgendein Kamerad hatte immer Redebedarf, musste emotional und seelisch aufgebaut werden. Höfler, der 46 Jahre im Dienst der Feuerwehr stand, gibt sogar zu: „Einer der nächsten Einsätze war ein Kellerbrand, da kehrte für uns wieder Normalität ein.“ „Uns geht es um den authentischen O-Ton“, erklärt Crespin, „wir wollen nicht die Überlieferung der Überlieferung der Überlieferung.“

Und dann begann Höfler seinen Vortrag über den Einsatz am Faschingsdienstag 2016, bei dem in den Morgenstunden auf der eingleisigen Bahnstrecke zwischen Bad Aibling und Kolbermoor zwei Züge kollidierten. Zwölf Menschen starben, 94 Menschen wurden verletzt. Und auch mehr als 20 Helfer wurden traumatisiert. „Einer hat sogar einen Dienst quittiert“, berichtet Höfler, der mahnt: „Man darf die Leute nicht im Stich lassen.“

Beeindruckend: Höfler erwähnt zwar, dass der Fahrdienstleiter einige folgenschwere Fehler begangen hat – aber er nahm nie das Wort Schuld in den Mund. Grundsätzlich hielt er sich mit Nebensächlichkeiten, die nicht den direkten Einsatz betrafen, nicht auf. Lediglich am Ende ließ er seinem Unmut darüber freien Lauf, wie einige Politiker das Ereignis medial ausschlachteten.

Ebenfalls bemerkenswert: Höfler schilderte nicht nur das, was funktioniert hat, sondern auch, was schiefgegangen ist. Damit liefert er natürlich für die Euskirchener Einsatzkräfte wichtige Erkenntnisse für den Fall, dass es auch in der Region zu einem solch schweren Unglück kommt. Der Unfall bei Brühl, als ein Zug entgleist war, ist nämlich auch schon wieder 17 Jahre her.

Höfler erinnert sich an den Notruf um 6.52 Uhr am Dienstag den 9. Februar. „Person unter Zug“ habe er schlaftrunken verstanden, obwohl für den Fall das Alarmfax deutlich zu lang war. Bereits drei Minuten nach der Alarmierung war Höfler an der gemeldeten Einsatzstelle am Klärwerk – nur war dort kein Unglück. Das lag auf der anderen Seite eines Waldstücks. Es ging zurück und dann auf einen schmalen Rad- und Fußweg auf den Damm der Mangfall. Höfler nimmt die Zuschauer im Kreishaus mit auf die Einsatzfahrt, ein Video dokumentiert, wie es erst zum Klärwerk, dann zurück und schließlich an der Mangfall entlang zum Unglücksort geht.

Die beiden Züge waren in einem unwegsamen Gelände kollidiert, Material musste stellenweise kilometerweit zu Fuß transportiert werden. Bereits zu Einsatzbeginn waren einige der Helfer mit den Kräften am Ende – die meisten von ihnen hatten schlicht noch nicht gefrühstückt.

Höfler schilderte, wie er in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen musste, die nicht nur die Sicherheit der betroffenen Zuginsassen, sondern auch seiner Kameraden betrafen. Denn der Strom auf der Oberleitung war noch nicht abgeschaltet. „Wir hätten warten müssen, bis der Strom abgeschaltet und die Leitung geerdet ist. Ich war aber brutal: Beim ersten Fahrgast, der auf die Gleise geklettert ist, habe ich geschaut, ob es einen Lichtblitz gibt. Als der ausblieb, wusste ich, dass die Oberleitung vermutlich abgerissen war“, gibt Höfler zu – was sich später auch als korrekt erwies.

Der Bayer gab den Zuhörern aus dem Kreis Euskirchen viele Tipps mit auf den Weg. So begrüßt er seine Zug- und Gruppenführer immer mit Handschlag. „Das ist gleichzeitig die erste Informationsübergabe.“ Er plädiert für Ruhe an der Einsatzstelle und warnt vor unüberlegten Äußerungen. So berichtete er von einem 17-Jährigen, der unter dem ausblutenden Triebwagenführer eingeklemmt war, und dessen Rettung drei Stunden dauerte. „Erst nach anderthalb Stunden war er so weit befreit, dass der Notarzt ihm einen Zugang legen konnte. Bis dahin hat er alles mitbekommen und auch alles behalten. Stellen Sie sich vor, jemand hätte gesagt: Der hat eh keine Chance. Dadurch kann jemand brechen.“ Denn der 17-Jährige hatte eine Chance: Drei Monate nach dem Unglück konnte er trotz schwerer Verletzungen wieder ohne Krücken gehen.

Höfler berichtet auch von den psychischen Belastungen. „Ein Feuerwehrmann, der sagt, es belaste ihn nicht, lügt“, ist sich der Ex-Feuerwehrchef aus Bad Aibling sicher. Auch in seiner Truppe habe es einige Männer gegeben, bei denen es „ganz böse aussah, aber ist keiner abgekippt.“ Selbst bei Höfler, der schon 40 Jahre zuvor bei einem schweren Zugunglück im Einsatz war, verursacht die Erinnerung an das Unglück am Faschingsdienstag Gänsehaut – weil in einem Leichensack immer wieder ein Handy bimmelte. „Mir war sofort bewusst, was dahintersteckt. Da versuchte eine Frau ihren Mann zu erreichen.“

In Bayern gibt es zum Glück die Psychosoziale Notfallversorgung, eine Hilfe für die oft ehrenamtlichen Helfer. Und davon waren eine Menge im Einsatz: 270 Feuerwehrleute, 250 Kräfte des Rettungsdienstes, 50 THW-Helfer sowie 200 Polizisten. Im Kreis Euskirchen gibt es mit dem Kriseninterventionsdienst eine ähnliche Einrichtung. „Diese psychosoziale Betreuung ist damals nach dem Amoklauf in Euskirchen entstanden“, erinnert sich Crespin, der wie auch die anderen rund 170 Zuhörer beeindruckt war von Höflers Ausführungen. Crespin kommt deshalb zu dem Schluss: „Wir müssen Führungskräfte nicht nur taktisch ausbilden, sondern auch im Bereich Menschenführung intensiver schulen.“

(Thomas Schmitz, Agentur ProfiPress)

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